
Kommentar von Alina Klöpper über Johanna Bank
Nacktheit und Aushalten bilden den goldenen Faden in Johanna Banks Werk, das wird mir besonders als Betrachterin ihrer Performance »Stay I« deutlich. Dabei ist Nacktheit nicht nur als Synonym für Verletzbarkeit und Unmittelbarkeit, sondern, darüber hinaus, auch als Gedanke an das Unbewusste, Unreflektierte zu verstehen. Wie Johanna ihr künstlerisches Ziel mit den Worten Jean-Christophe Ammanns erklärt:
»Das Präzise diffus machen und das Diffuse präzisieren«. In der Schöpfungsgeschichte ist die Bewusstwerdung Evas begleitet von Scham respektive dem allmorgendlichen In-die-Jeans-hüpfen. Analog dazu ist das Ausziehen ein Prozess, bei dem tiefstes Inneres nach Außen gekehrt und so dem Betrachter zugänglich wird. Dabei ist »zugänglich« einerseits ein viel zu schwaches Wort, um die Besonderheit an Johannas Kunst zu beschreiben, da ich als Betrachterin niemals nur einen Zugang zu teilweise mir fremden Gefühlen und Gedanken bekommen habe.
Andererseits lag ich schon mal im Krankenhaus und ein Zugang zu Schmerz- und Beruhigungsmitteln in meinem Blutkreislauf. Nach dem gleichen intravenösen Prinzip wirkt Johannas Serie »Stay« – jedoch vielmehr als Gegengift, denn als Sedativum. Allein durchs Zusehen entsteht ein Sog, der mich in die Haut anderer Leute katapultiert, meine Leidensfähigkeit prüft und meine Empathie schärft. Die konfrontative Art der Vermittlung stellt mich als Betrachterin oder vielmehr plötzlich Betroffene, vor die Frage, wo Kunst beginnt, wo sie endet und wo von ihr als verantwortlicher Mensch Einmischung gefordert ist. Die Serie »Stay« widmet sich dabei der scheinbar unüberwindbaren Kluft zwischen gut und gut gemeint, dem Schmerz über die eigene Unfähigkeit Liebe einzufangen und zu konservieren. Das Paradox der Aufopferung für ein flüchtiges ergo rational sinnloses Ziel bei vollem Bewusstsein – Yolo, bis es wehtut.
Wo Miss Bank sich heute bemüht, dem diffusen Inneren eine Form zu geben, widmete sie sich vormals bestimmten Materialien. Aus einem realen Knochenfund wird so eine morbide Kopfmassage, aus Tierskeletten wird eine überaus entzückende Barbie. Lust + Ekel = Perversion also? Hier stelle ich mir als Betrachterin Fragen nach Moral und Verantwortung in einer sich selbst entfremdeten Lebensrealität – die Ausstellung »Kurz vor nah« installiert dementsprechend einen immer wiederkehrenden Fragenkatalog in die Köpfe ihrer Betrachter, statt einzelne Projekte in den Mittelpunkt zu stellen. Nacktheit als ursprüngliches Verständnis von Körper ist also auch insofern wichtig für Johannas Werk, als dass dieser unser einziges Werkzeug zur Wahrnehmung ist und wir daher nur durch ihn zu einer Erkenntnis, einem Rausschmiss aus dem Paradies, einem Wahrheitsbegriff kommen können. Der gleiche Wortstamm ist schließlich kein Zufall. Dass Körper und Verstand, genau wie die früher erwähnte Liebe, unauflösbare Paradoxien mit sich bringen, wird beispielsweise in der Installation »Stay III« deutlich. Dieser »Flauschturm« in Form einer Raumkapsel sorgt beim Betreten für eine Kuschelerfahrung, die mit Freud locker-easy als Wunsch nach dem Mutterleib interpretiert werden kann. So wie unser Körper unser Erkundungsmedium ist, so ist er zugleich die Grenze der Erkundung. Wir sind immer kurz vor nah.
